Watchmen und der Klimawandel
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- Last Updated on Friday, 02 September 2011 05:55

Wer die Meinung vertritt, dass die Worte Superheldencomic und Niveau nicht miteinander im selben Satz stehen können, sollte sich mit Watchmen von Alan Moore und Dave Gibbons vom Gegenteil überzeugen lassen.
Was sich in der Grafik-Novelle aus dem Jahr 1986 an existenziellen Fragen, moralischen Implikationen und menschlichen Abgründen auftut, lässt Shakespeare-Dramen wie das ungeschnittene Rohmaterial aus dem Big-Brother-Haus aussehen.
Sowohl Comic als auch Film strotzen nur so vor cleveren Dialogen und monumentalen Bildern. Die Erzählstruktur ist so komplex und perfekt durchdacht, dass einem auch noch beim fünften Lesen Details ins Auge springen, die man zuvor nie wahrgenommen hat. Nicht umsonst hat das Time-Magazin Watchmen zu einem der wichtigsten Bücher des 20. Jahrhundert gewählt.
Wir schreiben das Jahr 1985. Superhelden existieren wirklich und zwar schon seit gut fünf Jahrzehnten. Präsident Richard Nixon wird zum vierten Mal wiedergewählt, da er den Vietnamkrieg mit Hilfe der Superhelden gewonnen und Amendment Nummer 22 der US-Verfassung, das die Legislatur des Präsidenten auf acht Jahre beschränkt, ausgeschaltet hat. Die Investigativreporter Woodward und Bernstein wurden übrigens ermordet bevor der Name <<Watergate>> jemals publik gemacht werden konnte.
Der Kalte Krieg ist inzwischen eiskalt geworden. Die Gefahr eines nuklearen Holocausts steigt von Tag zu Tag. Nixon und sein Außenminister Kissinger sehen der Möglichkeit einen nuklearen Erstschlags entgegen, welcher zumindest die US-Westküste verschonen würde. Auf den Straßen herrscht Untergangsstimmung: Die Verbrechensrate steigt, gewaltsame Demonstrationen nehmen zu, die USA schlittern in eine Rezession. Nur noch wenige Superhelden gehen ihrer Arbeit nach, da durch den Keene-Act aus dem Jahr 1977 jegliche Form von Selbstjustiz und Maskerade verboten wurde. Die Welt scheint dem Untergang geweiht.
Um zum Kern des Themas zu kommen, widme ich mich sofort dem Schluss des Comics und der Lösung, die ein Watchman namens <<Ozymandias>> für die Menschheit bereithält (Wer den Comic oder den Film nicht kennt, sollte das ohnehin schleunigst nachholen). Denn trotz der blühenden Fantasie der Autoren, liegt diese verdammt nah an der Realität. Wer das Prinzip der Neuen Weltordnung verstanden hat, dem fällt es hier wie Schuppen von den Augen. Ozymandias hat erkannt, dass die Welt in ihrem momentanen Zustand nicht mehr zu retten ist. Als Superheld war er letztlich machtlos, da er nur gegen die Symptome kämpfte, die Krankheit blieb jedoch immer unbehelligt. Deshalb entschließt sich Ozymandias, der von vielen als intelligentester Mensch der Erde bezeichnet wird, zu einer mehr als bedenklichen Strategie: Für Ozymandias ist die Menschheit der Feind, der gezähmt und kontrolliert werden muss. Bereits die Erfindung der Atombombe musste unabwendbar dazu führen, dass sich die Menschen selbst ausrotten würden. Darum muss er aus dem gewöhnlichen Denkmuster, wie man einen Konflikt zu lösen hat, ausbrechen und zu drastischeren Methoden greifen. Um die Menschen wieder zu vereinen, muss ein neues Feindbild geschaffen werden, am besten ein Feindbild, das mächtiger ist als alle Menschen vereint. Nur durch den Kampf gegen eine allmächtige, omnipräsente Gefahr, die die gesamte menschliche Rasse bedroht, können die Menschen vom Kampf gegen sich selbst abgelenkt werden. Eine inszenierte Alien-Attacke auf New York, bei der Abermillionen Menschen das Leben verlieren, soll diesen Zweck erfüllen. Ozymandias hat die riesige Tentakel-Kreatur selbst erschaffen und ist in der Lage das jederzeit wieder zu tun. Die Gefahr ist also real, obwohl sie auf einem Märchen basiert, das Ozymandias nun dem ganzen Planeten aufbinden wird.
Wer die Denkweise von Ozymandias verstehen will, sollte sich mit dem Report from Iron Mountain beschäftigen. Das gleichnamige Buch war 1967 ein Bestseller in den USA und hat zu einigen politischen Turbulenzen geführt. Der Report, der 1968 auf Deutsch unter dem Titel Verdammter Friede erschienen ist, dokumentiert die Ergebnisse einer angeblichen Regierungskommission. Inzwischen wird zwar behauptet, das Buch sei eine Satire, aber das spielt keine Rolle, weil die Ergebnisse der Studie offensichtlich umgesetzt werden. Der angebliche Autor Leonard C. Lewin hat sogar einen Urheberrechtsprozess gewonnen. Weil es sich laut Vorwort um ein Regierungsdokument handelt, wollten andere Verlage das Buch nachdrucken, weil es auf solche Dokumente kein Copyright gibt. Lewin klagte daraufhin. Der Fall war leicht zu gewinnen, weil die US-Regierung leugnete, dass der Bericht echt sei, und sogar Beamte anwies, die Existenz des Berichts abzustreiten- ziemlich viel Aufwand für eine Satire. Ebenfalls seltsam ist, dass Lewin immer als Schriftsteller bezeichnet wird, aber offensichtlich kein weiteres Buch veröffentlicht hat.
Der Inhalt in aller Kürze: Die Kommission hatte den Auftrag herauszufinden, inwiefern Menschen eine starke Regierung akzeptieren. Das Ergebnis: Menschen begehren nur dann nicht auf, wenn sie Angst haben und die Regierung sie vor einem äußeren Feind schützt. Um Weltfrieden unter einer Weltregierung installieren zu können, müsste den Menschen ein äußerer Feind vorgegaukelt werden. Dieser Feind muss zwei wesentliche Anforderungen erfüllen: Die Bedrohung muss apokalyptisch sein, also die ganze Menschheit gefährden, und die Bedrohung muss von den Menschen für glaubwürdig gehalten werden. Vollkommen irrelevant ist dabei, ob die Bedrohung echt ist.
Hier eine Rede von Ronald Reagan, um zu den Gedankengang zu verdeutlichen:
Die Wissenschaftler- oder der schlaue Herr Lewin- spielten dann zwei Szenarien durch. Da es bei einer Weltregierung keinen Feind mehr gibt, dachte man an einen Angriff durch Außerirdische. Die Zweite Variante stellte die Inszenierung einer großen Umweltkatastrophe dar. Klingelt‘s?
Für welche Option sollte man sich wohl als Regierung entscheiden? Was scheint plausibler? Alien-Attacke oder eine globale hm sagen wir mal Klima-Katastrophe. Na da muss man ja nicht lange nachdenken, oder?
Für einen fantasiereichen Superheldencomic wie Watchmen, erscheint ein Finale, in dem Ozymandias der Bevölkerung etwas über das gefährliche C02-Gas vorlügt allerdings mehr als unangemessen. Natürlich wird hier zu Variante eins gegriffen. Dabei geht man sogar noch einen Schritt weiter und erschafft ein synthetisches Alien mit den Superkräften des gottähnlichen Dr. Manhattan (im Film wird den Menschen vorgegaukelt, Dr. Manhattan selbst hätte die Erde attackiert). Wenn es den Machthabern in der Realität auf irgendeine Weise möglich gewesen wäre, eine Alien-Attacke glaubhaft zu inszenieren, ich bin überzeugt, sie hätten es bereits getan. Die technischen Möglichkeiten hierzu sind aber nicht annähernd gegeben.
Ozymandias' Plan trägt Früchte. Die Welt ist wieder vereint und seine Firma Veidt Enterprises ist entscheidend an ihrer Neustrukturierung beteiligt (im Film wird das, meiner Meinung nach, besser dargestellt). Ozymandias hat sein eigene Neue Weltordnung erschaffen und ist davon überzeugt, er habe lediglich zum Wohle der Menschheit gehandelt. Die Welt musste zu ihrem Glück gezwungen werden.
In Wirklichkeit ist Ozymandias natürlich nichts anderes als ein selbstverliebter, machtbesessener Psychopath, der sich hinter der Maske eines mitfühlenden, verantwortungsbewussten, Vegetariers und Pazifisten versteckt. Ein Obama 2.0! Ein eingebildeter Heuchler mit Gott-Komplex, dem die Menschheit im Grunde völlig egal ist. Ein Globalist wie er im Buche steht.
Allerdings ist es Ozymandias, der am Ende der Geschichte als Held hervorgeht, während Rorschach, dem es aufrichtig darum ging, die Gerechtigkeit mit letzter Konsequenz durchzusetzen, im Schnee der Antarktis pulverisiert wird. Vor allem in der Filmversion wird Rorschach als kaltblütiger, soziopathischer Killer dargestellt, vor dem es sich gefälligst zu fürchten gilt. Letztendlich muss man sich aber als rechtschaffende Person vor Rorschach nicht fürchten, vielmehr ist es Everybody‘s Darling Ozymandias, der Millonen Unschuldiger in den Tod reißt. Wer ist demnach der wahre Held?
