Eyes Wide Shut: Darum geht es wirklich
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- Last Updated on Sunday, 04 September 2011 06:01

Die wenigsten Zuschauer, Filmkritiker mit eingeschlossen, haben, meiner Meinung nach, wirklich kapiert, worum es in Stanley Kubricks letztem Streich geht. Klar handelt der Film auch von Lust, Beziehungen, Untreue und verdrängten Bedürfnissen.
Doch die Orgie in der Mitte - der Höhepunkt der Geschichte- wird entweder als ein wenig sonderbar abgetan oder als Fantasiekonstrukt der Hauptfigur interpretiert, in der sie eine neue Dimension menschlicher Ergötzung kennenlernt.
Ich glaube allerdings, dass solche Orgien wirklich stattfinden. Natürlich kann ich es nur vermuten. Ich weiß auch nicht, ob sie in Echt doch ein wenig anders ablaufen. Keine Ahnung, ob da wirklich jeder Masken trägt oder ob ein Passwort reicht, um rein zu kommen. Ich war nie dabei. Ich hab auch keine Ahnung von freimaurerischer Symbolik, geschweige denn irgendwelchen Ritualen. Ich meine trotzdem, dass mit der nötigen Macht alles möglich ist. Und ich glaube, dass die meisten Menschen, die seit dem Anfang ihres Lebens große Macht besitzen oder es geschafft haben, sich große Macht anzueignen, sich einen gepflegten Dreck über den Pöbel auf der Straße scheren. Ich glaube, diese Menschen leben in einer anderen Welt.
Natürlich kommen auch Phänomene wie Geheimbünde oder Sekten nicht von irgendwo. Natürlich hat es einen enormen Reiz, zu den Eingeweihten zu gehören und zusammen dunkle Pläne zu entwickeln. Aber was bringt es, wenn sich z.B. ein paar Handwerker, Arbeitslose und Ärzte zu einem Geheimbund zusammenschließen? Sicherlich kann man da auch das ein oder andere krumme Ding drehen. Aber so richtig spannend wird es doch erst, wenn man die Macht hat, die Welt zu verändern. Wäre es nicht viel aufregender als alles, was man sonst so kennt, wenn man Teil einer solchen Gruppe wäre? Ich meine ja. Und deswegen tut man es. Wer sich mal mit dem Bohemian Grove, Skull & Bones, dem Fall Dutroux oder Bilderberg auseinandersetzt, wird merken, dass es für die Machtelite durchaus möglich ist, ihre Aktivitäten von der Öffentlichkeit zu isolieren. Es ist für diese Menschen auch möglich, jemanden zu töten oder Kinder zu missbrauchen, ohne dafür belangt zu werden. Schließlich schafften sie es wohl auch, die Twin-Towers zu sprengen und 3000 Zivilisten in den Tod zu reißen. Eine tote Prostituierte, wie im Film gezeigt, ist da ja nur eine Lapalie.
Es gibt Menschen, die über dem Gesetz stehen und Stanley Kubrick wusste es. Als Teil des Hollywood-Establishments bekam er wohl selbst Einsichten in diese Clubs. Angeblich war er sogar an der Inszenierung der Mondlandung beteiligt. Das ist alles andere als bestätigt, doch soll hier trotzdem mal erwähnt werden. In seinen wenigen Interviews wirkte er stets paranoid und gestresst. Vielleicht war Kubrick mehr, als er es eigentlich wollte, in diese Gruppen involviert. Er wollte lange sein Haus nicht mehr verlassen wegen dem, was er wusste. Das Anwesen, in dem die Orgie gedreht wurde, gehörte der Rothschild-Familie. Möglicherweise war es sein Wunsch, allein in seinen Filmen eine Botschaft zu vermitteln, um seine Familie zu schützen. Clockwork Orange handelt von Gedankenkontrolle, Lolita von Pädophilie und Full Metal Jacket von der Konditionierung zu töten. Kubrick erzählte die Geschichten immer nach einem Muster, wie es Hollywood nicht gefallen konnte. Kein Happy-End, keine klare Trennlinie zwischen Gut und Böse, kein über allem stehender Held.
Eyes Wide Shut soll, wie ich glaube, zeigen, was hinter verschlossenen Türen möglich ist. Die Elite lässt Schönheitsköniginnen in schwarzen, verdunkelten Limousinen in ihr Haus transportieren. Es wird eine Orgie gefeiert, wie man sie sonst nur im späten Rom erlebte. Dabei spielt es keine Rolle, ob hetero oder nicht. Die Zirkel der Macht sind hier quasi tolerant. Sie verachten nur die, die nicht Teil ihres Zirkels sind. Mit dem Pöbel (und zum Pöbel gehören auch Millionäre und Hollywoodstars) kann man zwar auf Partys plaudern oder mit ihm Golf spielen, aber niemals mit ihm sündigen. Man darf der Elite nahe kommen, aber darf niemals Teil von ihr sein. Das Establishment versteckt sich zwar unter Masken, doch erkennen sofort, wenn ein Fremder auf ihrer okkulten Zeremonie auftaucht. Vielleicht eine Erfahrung, die Kubrick selbst machen musste. Ich bleibe dabei: Die Orgie, der der Protagonist Bill beiwohnt, ist keine Metapher oder ähnliches. Sowas findet statt. Da gibt es nicht viel zu interpretieren. Die Elite feiert hinter den Wänden ihrer abgeschotteten Schlösser ganz andere Feste.
Kubrick war bei der Erstverführung des Films angeblich sehr nervös und rauchte überdurchschnittlich viele Zigaretten. Die Warner-Brothers-Bosse sollen, nachdem sie Eyes Wide Shut gesehen hatten, sehr ungehalten reagiert haben. Wieso das? Der Film ist doch fantastisch. Nein, an der Qualität kann es nicht gelegen haben.
Was kaum kommuniziert wurde, ist, dass Kubrick den Bossen die finale Version des Films zeigte. Viele sprechen bei Eyes Wide Shut von Kubricks unvollendetem Meisterstück. Das ist so nicht richtig. Der Film war fertig! Nicht nur das: Er war zudem 25 Minuten länger als der Film, der dann ins Kino kam. Vier Tage (!) nach dieser Erstvorführung erlitt Kubrick einen Herzinfarkt in seinem Haus und starb. Seine Frau meinte, es hätte vorher nie Anzeichen für eine Herzkrankheit gegeben. Eyes Wide Shut wurde neben Spartacus der einzige Film, den Kubrick nicht selbst schnitt. Die ursprüngliche Version wurde von Warner Brothers umgeschnitten. Was wurde in den verlorenen 25 Minuten erzählt?
Hier das Kubrick-Tribut bei den Oscars im Jahr 1999. Eyes Wide Shut gewann trotz der herausragenden Qualität und dem Tod einer Hollywoodlegende, die diesen Film erschuf, keinen einzigen Oscar. Es war nicht mal nominiert.
Bei Kubricks Tribut-Clip wird Eyes Wide Shut nicht mal erwähnt. Wie kann das sein? Ich hatte Gänsehaut als ich den Film sah. Auch wenn viele ihn anders verstehen, können sie doch kaum abstreiten, dass Eyes Wide Shut mehr als nur einen Oscar verdient hätte. Steven Spielberg übernahm zwei Jahre später das Projekt A.I.-Künstliche Intelligenz und verwässerte es zu einem Standard-Hollywoodstreifen.
Am Ende von Eyes Wide Shut wird die Andeutung gemacht, dass alles, was Bill so erlebt hat, möglicherweise niemals stattgefunden hat. Vielmehr geht es wohl darum, dass die Hauptfigur sich zu dieser Vorstellung zwingt. Sie zieht sich wieder ins heile Familienleben zurück und ist dankbar, dass der Albtraum endlich vorbei ist. Anstatt sich zu enervieren, zur Polizei oder zum Fernsehen zu gehen, wird das Geheimnis einfach totgeschwiegen. Auf Englisch: Eyes Wide Shut.
User opinions
lagavulin64
Thursday, 06 December 2012Christian
Tuesday, 16 August 2011



