John Carpenter: Der Horror in all seinen Facetten



John Carpenter hatte in den Jahren 1976-1983 einen im doppelten Sinne beängstigenden Lauf, in dem er seine filmischen Meisterwerke nahezu am Fließband produzierte und sich zum meistgefragten Regisseur in Hollywood entwickelte.

Was genau dazu führte, dass Carpenter sich danach kontinuierlich in Richtung totaler Irrelevanz manövrierte, ist bis heute eins der größten Mysterien der Filmgeschichte.

Carpenter kam, sah, siegte und war wieder weg (obwohl er eigentlich noch da war). Sein frühes Werk gilt es jedoch für die Ewigkeit in Ehren zu halten, da er mit seinen Filmen Trends setzte, die bis heute aus der Filmwelt nicht mehr wegzudenken sind.

Das Böse stirbt nie, weil es ein tief verwurzelter Teil von uns ist. Das ist die Lektion, die wir aus den frühen Werken des Meisters der Verstörung lernen. Auch wenn wir versuchen diese latente Bedrohung aus unserer Alltagsrealität auszuschließen, lauert sie stets im Verborgenen auf und trifft uns, gerade weil wir sie nicht wahrnehmen wollen, so unerwartet, dass wir ihr hilflos ausgeliefert sind. Nur wer nicht in der illusorischen Realität gesellschaftlicher Normen verharrt, kann sich der Mächte des Wahnsinns erwehren. Man muss seinen eigenen Weg finden, um mit dem absolut Bösen fertig zu werden. Nur wer sich dabei von seinen alten Denkmustern und seiner See no Evil-Mentalität befreien kann, wird eine Chance haben die Gefahren zu besiegen.
Carpenters Charaktere werden Tests unterzogen, bei denen bestimmte Verhaltensweisen bestimmten, wer zum Opfer und wer zum Helden wird. Die Handlung wird dabei immer auf einen überschaubaren Schauplatz konzentriert. Die Hauptfiguren stehen unter Hochdruck. Es gilt, einen kühlen Kopf zu bewahren. Menschliche Emotionen schützen nicht vor dem Zugriff des Irrationalen, eher im Gegenteil. Trotzdem sind Carpenters Filme alles andere als unmoralisch. Für ihn gibt es individuelles Wohlergehen nur im Zusammenhang mit kollektivem Wohlergehen. Der Held braucht soziale Kompetenz. Wer sich ohne Rücksicht auf Verluste von der Gruppe entfernt, wird nicht lange überleben.



Carpenters Filme sind vor allem durch eines geprägt: Die Begegnung des Menschen mit dem ganz anderen. Der Mensch wird einer monströsen Kraft ausgesetzt, die sein eigenes Begriffsvermögen übersteigt. Für den modernen Horrorfilm beschreibt das englische Wort alien am besten die Andersartigkeit, die Fremdheit, die Aura des Gefährlichen und Unheimlichen. Das Alien kann entweder in die vermeintlich heile Alltagswelt eintreten oder schon Teil der Alltagswelt sein. Genau wie das Alien sind auch Carpenters Protagonisten Outcasts der Gesellschaft. Sie erkennen das Alien in sich selbst und sind so als einzige fähig, die Gefahr zu erkennen. Laurie aus Halloween hat z.B. Charakterzüge, die sie von ihren naiven und daher unvorsichtigen Freundinnen unterscheiden. Sie ist schüchtern, ein wenig verklemmt, sie hat keinen Freund. Erst dadurch entwickelt sie das nötige Problembewusstsein, um die drohende Gefahr zu erkennen. Carpenter etablierte hierbei zudem das Final Girl als letzte Überlebende eines Horrorfilms. Aktive und resolute Frauen haben im modernen Horrorfilm längst auf breiter Ebene Einzug gehalten.
Zu Carpenters Hauptthemen gehört auch die Beziehung zwischen Individuum und Gruppe. Wer überleben will, muss das richtige Maß an Vernunft und Mitgefühl mitbringen, darf sich dabei aber nie zu stark von seinen Emotionen leiten lassen. In den Extremsituation wird schnell klar, für wen Moral nur zivilisatorische Höflichkeit ist und wer bereit ist, auch in Momenten der Ausweglosigkeit für menschliche Werte einzustehen. Dabei entpuppen sich oft die Außenseiter der Gesellschaft als wahre Helden. Das Auftreten des Aliens führt zur Wegsprengung jeglicher zivilisatorischer Errungenschaften und stellt den Zusammenhalt der Gruppe in Frage. In The Thing entwickelt sich diese Spirale des Misstrauens in besonderer Weise, da jedes Mitglied der Gruppe im Verdacht steht, das Alien zu sein. Dabei muss eine Person die Verantwortung übernehmen und sich wenn nötig sogar mit Gewalt durchsetzen.
Happy Ends sucht man bei John Carpenters Anti-Wohlfühlfilmen vergeblich. Der letzte Überlebende wird in eine ungewisse Zukunft entlassen, in der die Gefahr weiterhin präsent scheint. Das Böse kann nicht besiegt, allerhöchstens begrenzt werden. Michael Myers wird wieder kommen! (Inzwischen leider viel zu oft)

Das Ende- Aussault on Precinct 13

Carpenter dazu: >>Ein Vorfall, der sich wirklich ereignet hatte, brachte mich darauf: Eine Jugendgang stand an einer Bushaltestelle, und der Bus kam. Einer sagte, die nächste Person, die aussteigt, die werde ich umbringen. Ein kleines Mädchen stieg aus und er hat sie erschossen, stieg in ein Auto und fuhr weg. Welche Menschen werden so etwas tun? Ich meine, für sie ist gar nichts mehr wichtig, es ist vollkommen sinnlos und psychotisch. Deshalb dachte ich, nun, dann werde ich die Banditen auf diese Weise zeigen, weil für mich ist das erschreckend, äußerster Horror, zu denken, ich werde eine Straße hinuntergehen und wegen nichts erschossen werden.<<
Für Carpenter hat die Gewalt auf der Straße eine Stufe erreicht, die sich in ihrer Irrationalität nicht mehr allein aus sozialen Missständen heraus erklären lässt. Die Gewalt hat eine Eigendynamik entwickelt, die nichts mehr mit den Umständen zu tun hat. Die Gesellschaft hat sich selbst entfremdet und ist nicht mehr aus sich selbst heraus fähig, zu einem gesunden Normalzustand zurückzufinden. Diese paranoide Grundstimmung wird zum Markenzeichen von John Carpenter.

 



Halloween
>>Hinter diesen Augen verbirgt sich das absolut Böse<< (Dr. Loomis)
Die kleinstädtische Unterdrückermoral in Haddonfield hat ein Monster hervorgebracht, das nun zurückkommt, um sich rückwendend zu rächen. Michael Myers ist nur noch anatomisch ein Mensch. Der Trieb des Tötens hat allumfassenden Besitz von ihm ergriffen, wobei er keinerlei schlüssige Motivation besitzt. Das Konzept des gesichtslosen Killer, der tötet, um zu töten, wird hier von Carpenter auf die Spitze getrieben. Michael hat keinerlei menschliche Züge mehr. Man kennt weder seine Beweggründe noch seine Gedanken. Carpenters brillanter Soundtrack ist das Sahnehäubchen auf einem der wichtigsten Filme der Horrorgeschichte, dessen Relevanz durch zu viele Fortsetzungen und Abklatsche inzwischen stark verwässert wurde.



Die Klapperschlange
Snake Plissken ist es vollkommen egal, ob die Menschheit überlebt. Der ehemalige Gleitseglerflieger im 3. Weltkrieg, wird wegen eines Einbruchs in ein Nuklearwaffendepot (Da kann man einfach mal einbrechen?) zu lebenslanger Haft verurteilt. Hauke, ebenfalls Ex-Kriegsheld, bietet Plissken den Erlass seiner Strafe, falls er den Präsidenten aus dem Hochsicherheitsgefängnis namens New York befreit. Snake kriegt dafür fiese Zeitbomben in die Halsarterien implantiert, die explodieren, falls er seine Aufgabe nicht rechtzeitig erfüllt.
Die Klapperschlange zeichnet das Bild des Polizeistaats, der Alien Nation, die inzwischen in den USA immer näher rückt. Die Polizei sind anonyme, unmenschliche Kämpfer, die von den Gangs kaum zu unterscheiden sind. Menschen werden kollektiv abgeschottet, nur die politische und industrielle Klasse hat noch Rechte, die es zu schützen gilt. Dabei ist Plissken der perfekte Anti-Held, der längst verstanden hat, dass es fast sinnlos ist, in solch einer Welt zu leben.



The Thing
Vielleicht Carpenters bester Film. Auf einer abgelegenen Forschungsstation in der Antarktis, kommt es zu einer Begegnung der dritten Art in bester Splatter-Manier. Noch heute hauen einen die Effekte um.



Christine
Christine ist >>bad to the bone<<. Der rote Plymouth 57 verkörpert den Rock’n’Roll und bringt den 17jährigen Arnie Cunningham auf einen Ego-Trip der besonderen Art. Dass Arnie in Christine viel mehr als ein Fortbewegungsmittel sieht, stimmt vor allem seine Freundin sauer. Dass Christine mehr als ein Auto ist, lässt schon das eindeutig zweideutige V auf dem Kühlergrill erahnen. Dummerweise entpuppt sich Christine als voiture fatale.

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